StartWissenGeschichte der schreibenden Maschinen
Geschichte

Maschinen schreiben seit 250 Jahren mit der Hand.

Von mechanischen Automaten über Kopiergeräte bis zur digitalen Schriftvorlage. Ein Blick auf die Technik hinter der persönlichen Nachricht.

Historische Jaquet-Droz-Automaten

Foto: Rama, Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0 fr.

Der Schreiber von Neuchâtel

Zwischen 1768 und 1774 bauen Pierre Jaquet-Droz, sein Sohn Henri-Louis und der Mechaniker Jean-Frédéric Leschot in La Chaux-de-Fonds drei Automaten: eine Musikerin, einen Zeichner und den Schreiber. Der Schreiber ist der komplexeste der drei. Er sitzt an einem kleinen Pult, taucht eine Gänsefeder selbst in die Tinte, streift sie ab und schreibt einen frei wählbaren Text von bis zu 40 Zeichen. Seine Augen folgen der Zeile. Der Text wird über ein Rad mit auswechselbaren Nocken eingestellt, jede Nockenhöhe steht für einen Buchstaben. Das ist, zweihundert Jahre vor dem Wort, ein programmierbarer Schreibroboter.

Die drei Automaten stehen heute im Musée d'art et d'histoire in Neuchâtel. Die Stadt erwarb sie 1906 für 75.000 Goldfranken. Wer davorsteht, sieht das, was auch heute noch die Wirkung eines handgeschriebenen Briefs ausmacht: nicht die Schrift, sondern die Geste. Die Feder setzt auf, die Linie wird dicker, wo Druck ist, dünner, wo der Schwung nachlässt.

Zwei Federn für einen Präsidenten

1803 lässt sich der Engländer John Isaac Hawkins ein Gerät schützen, das er Polygraph nennt: zwei Federn, durch ein Gestänge so verbunden, dass die zweite jede Bewegung der ersten kopiert. Wer damit einen Brief schreibt, schreibt gleichzeitig die Kopie. Der Maler und Museumsgründer Charles Willson Peale übernimmt die amerikanischen Rechte, verbessert das Gerät und verkauft es an einen Kunden, der es berühmt macht.

Thomas Jefferson bekommt seinen ersten Polygraphen im März 1804, während seiner ersten Amtszeit als Präsident. Er gibt die Kopierpresse auf und nutzt fortan nur noch den Polygraphen. Fast 20.000 Briefe schreibt er in seinem Leben, und von einem großen Teil existieren Kopien, die eine Maschine mit der zweiten Feder angefertigt hat.

Der Polygraph ist die Grundidee jedes späteren Schreibautomaten: eine Bewegung, die eine Hand vorgibt, wird von einer Mechanik mit echtem Stift auf echtem Papier wiederholt. Was fehlt, ist die Speicherung. Jefferson musste jeden Brief noch selbst schreiben.

Die Unterschrift aus der Matrize

Die Speicherung kommt 1937 mit dem „Robot Pen", einem in Popular Mechanics beschriebenen Gerät, das eine Unterschrift von einer Schablone abfährt. 1942 entwickelt Robert M. De Shazo Jr., Ingenieur an der Naval Torpedo Factory in Virginia, im Auftrag der US Navy den modernen Autopen. Das Prinzip: Eine Nadel folgt dem in eine Kunststoffplatte gravierten Verlauf einer echten Unterschrift, ein gekoppelter Arm mit echtem Stift zeichnet sie auf Papier. Amerikanische Präsidenten nutzen das Gerät bis heute; am 26. Mai 2011 setzt Barack Obama vom G8-Gipfel in Frankreich aus die Verlängerung des Patriot Act per Autopen in Kraft, gestützt auf ein Rechtsgutachten von 2005.

Der Autopen hat auch gezeigt, woran man eine Maschine erkennt. Autographenhändler unterscheiden Autopen-Unterschriften an ihrem gleichmäßigen Druck: Die Linie ist überall gleich dick, weil die Mechanik den Stift mit konstanter Kraft führt. Eine Hand drückt nicht gleichmäßig. Genau dieses Detail beschäftigt bis heute jeden, der Handschrift mit einer Maschine erzeugt.

Linien statt Flächen: 1967

Die dritte Zutat kommt nicht aus der Mechanik, sondern aus der Mathematik. 1959 bringt die kalifornische Firma CalComp mit dem Modell 565 einen der ersten kommerziellen Trommelplotter auf den Markt: Eine Trommel dreht das Papier, ein Schlitten fährt den Stift, ein Elektromagnet hebt und senkt ihn. Das X-Y-Prinzip mit Stift auf und ab ist bis heute das Prinzip jedes Stiftplotters.

Ein Plotter kann aber nur Linien ziehen, keine Flächen füllen. Gewöhnliche Schriften beschreiben Umrisse; ein Plotter würde sie als hohle, doppelt gezeichnete Buchstaben nachfahren. Im August 1967 veröffentlicht Allen V. Hershey, Mathematiker am US Naval Weapons Laboratory in Dahlgren, Virginia, den Report „Calligraphy for Computers": über 2.000 Glyphen, jede als Folge von Linienzügen, so wie eine Hand den Stift führt. Die Hershey-Schriften sind gemeinfrei, und sie sind bis heute die Grundlage für alles, was mit einem einzelnen Stift geschrieben werden soll: Gravuren, Fräsungen, Plotter. Eine unserer Schreibschriften geht direkt auf Hersheys Arbeit zurück.

1977 führt Hewlett-Packard mit HP-GL eine Sprache ein, in der Plotter Befehle wie „Stift runter, fahre nach x, y" verstehen. 1982 folgt der HP 7470, ein kleiner Tischplotter, der erstmals das Papier bewegt statt den Stift. Für ein Jahrzehnt stehen Stiftplotter in Ingenieurbüros und zeichnen Baupläne. Dann verdrängt der Tintenstrahldrucker sie fast vollständig. Der Stift verschwindet.

Die Rückkehr des Stifts

Er kommt zurück, als niemand mehr mit ihm rechnet. Anfang 2014 baut der Brite Lindsay Wilson einen kleinen Stiftplotter aus Kunststoff, den er AxiDraw nennt. Im März 2016 stellen Evil Mad Scientist Laboratories in Kalifornien die zweite Generation vor, groß genug für A4. Der AxiDraw wird zum Werkzeug einer neuen Generation von Zeichnern und, fast nebenbei, zur Grundlage einer Branche.

Denn parallel entdeckt das Marketing die Handschrift wieder. 2013 gründet Sonny Caberwal in New York Bond, einen Dienst, dessen Maschinen Notizen in der Handschrift des Absenders schreiben; Bond wird 2016 von Newell Brands übernommen und 2019 geschlossen, die Maschinen werden kurz vor der Verschrottung gerettet und schreiben heute unter dem Namen Wami für Luxusmarken. 2014 gründet David Wachs in Phoenix Handwrytten, das heute mit einer Flotte von rund 175 selbst gebauten Maschinen mehrere Millionen Karten geschrieben hat. Im selben Jahr nimmt die Zürcher Druckerei Robert Hürlimann einen Roboter namens Sophie in Betrieb, und in Bammental bei Heidelberg gründet Antonio Brissa Pensaki. 2015 entsteht in Berlin, aus Wundercards und Advermento, Wunderpen.

Was diese Generation von Jaquet-Droz unterscheidet, ist nicht die Mechanik. Es ist, dass die Schrift nicht mehr fest im Nockenrad steckt, sondern aus Daten entsteht: Hersheys Linien, digitalisierte Hände, kleine Zufälle in Neigung, Größe und Abstand, damit kein Buchstabe dem anderen gleicht. Der Stift bleibt ein Stift. Die Tinte bleibt Tinte.

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